Dieter Broers über Realität

John Wheeler gilt als Physiker der Physiker – das meinen seine Fachkollegen. Bereits als junger Mann arbeitete er mit den beiden führenden Köpfen der modernen Physik zusammen: Albert Einstein und Niels Bohr. Seine grundlegenden Beiträge zu den von diesen beiden entwickelten Theorien – der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik – sind ebenso bedeutungsvoll wie sein Einfluss als Mentor. Revolution-2012 berichtet

Die wohl berühmtesten seiner vielen Studenten waren der amerikanische Physiker und spätere Nobelpreisträger Richard Feynman und die Gravitationsphysiker Kip Thorne und John R. Klauder. In seiner siebzigjährigen Laufbahn als Physiker kommt John Wheeler zu einem Resümee, welches er mit den legendären „Really Big Questions“ (RBQs) zusammenfasste. Diese RBQs weisen wahrhaftig metaphysische Züge auf. Fünf dieser RBQs dürften von ganz besonderer Bedeutung sein:

Wie kommt es zu Existierenden?

Warum Quanten?

Ein „partizipatorisches“ Universum?

Was gibt die Bedeutung?

Das Seiende aus Bits?

Die erste Frage umschreibt das alte Rätsel: „Weshalb gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?“. Die zweite Frage steht für die Suche nach einem überzeugenden Argument, weshalb die Welt der Atome nicht durch die klassische Physik beschrieben werden kann, sondern nur durch die unanschaulichen Gesetzen der Quantenmechanik. Wheeler stellt, gegenüber seinen meisten Kollegen die Frage des „Warum?“, und geht über das „Wie?“ hinaus. „Partizipatorisches Universum“ ist Wheelers Bezeichnung für die umstrittene Vorstellung, wonach das Universum nicht einfach “dort draußen“ ist und nur entdeckt werden muss, sondern zum Teil erst durch die von uns gestellten Fragen und die Information in den zugehörigen Antworten Gestalt annimmt. Diese Idee umschreibt Wheeler anhand einer Anekdote über drei Schiedsrichter beim Baseball, die zu definieren versuchen, welche Bälle sie als Gewinn- bzw. als Verlustpunkt werten. „Ich werte sie so, wie ich sie sehe“, rühmt sich der erste Schiedsrichter, offenbar ein Empiriker. „Ich werte sie so, wie sie sind“ behauptet der Realist.


Der dritte sagt: „Sie sind so, wie ich sie werte“, und verdeutlicht damit Wheelers Ansicht. Die vierte Frage, Was gibt die Bedeutung?“, bezieht sich auf das philosophische Problem, das Konzept von „Bedeutung“ zu definieren. Gleichzeitig bringt es jedoch auch eine gewisse Frustration der Ingenieure zum Ausdruck, die mit unzähligen Verfahren die Menge an Informationen in einer Nachricht messen können, doch keines dieser Verfahren sagt etwas über die Bedeutung des Inhalts dieser Nachricht aus. Die letzte RBQ ist die radikalste. Sie stellt die Frage auf, ob die materielle Welt – das „It“ – ganz oder zum Teil aus Information – dem „Bit“ – besteht. Wheeler meint: „Alles – jedes Teilchen, jedes Feld bzw. jede Kraft, sogar das Raumzeitkontinuum selbst – erhält (wenn auch manchmal eher indirekt) seine Funktion, seine Bedeutung, ja überhaupt seine gesamte Existenz aus den Antworten der Detektoren auf unsere Ja- oder –Nein-Fragen, die binären Möglichkeiten, die Bits.

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